Kaum eine Kennzahl sorgt an der Börse für so viel Ehrfurcht – und gleichzeitig so viel Verwirrung – wie das Shiller-KGV. Es gilt als eine Art Börsenbarometer mit Langzeitgedächtnis, soll Übertreibungen entlarven, bevor sie platzen, und Chancen erkennen, bevor sie jeder sieht.

Nun liegt das Shiller-KGV für den US-Markt wieder auf einem Niveau, das in der Vergangenheit oft mit Crashs endete. Ein Grund zur Panik? Oder nur das neue Normal einer veränderten Wirtschaft? Schauen wir genauer hin.

Was das Shiller-KGV misst – und warum es mehr kann als das klassische KGV

Das Shiller-KGV, auch CAPE Ratio (Cyclically Adjusted Price-Earnings Ratio) genannt, wurde vom Ökonomen Robert Shiller entwickelt – jenem Mann, der die Dotcom-Blase früh erkannte und 2013 den Wirtschaftsnobelpreis erhielt.

Im Gegensatz zum einfachen KGV, das nur den Gewinn eines Jahres ins Verhältnis zum Kurs setzt, verwendet das Shiller-KGV den inflationsbereinigten Durchschnittsgewinn der letzten zehn Jahre.

Das Ziel: Kurzfristige Schwankungen ausblenden, um den wahren, langfristigen Bewertungszustand des Marktes sichtbar zu machen.

In Kurzform:

  • Das KGV fragt: „Wie steht’s heute?“
  • Das Shiller-KGV fragt: „Wie steht’s im historischen Vergleich?“

Es ist also das Werkzeug für Anleger, die lieber Trends erkennen als Trends hinterherlaufen.

Der aktuelle Stand: Teuer – aber nicht irrational?

Im Oktober 2025 liegt das Shiller-KGV des US-Marktes bei rund 39.
Der langfristige Durchschnitt liegt bei etwa 17 – also nur halb so hoch.

Historisch war der Wert nur drei Mal ähnlich oder höher:

  • 1929, kurz vor der Großen Depression,
  • 2000, auf dem Höhepunkt der Dotcom-Euphorie,
  • und 2021, kurz bevor die Zinsen wieder stiegen und die Tech-Blase abkühlte.

Das weckt Erinnerungen – und Ängste. Denn nach jedem dieser Hochpunkte folgte ein deutlicher Rücksetzer.

Doch diesmal könnte es anders sein. Denn die Wirtschaft von heute ist nicht die Wirtschaft von damals.

Warum das Shiller-KGV 2025 schwerer zu deuten ist

Viele Anleger sehen im hohen CAPE-Wert ein Warnsignal – andere argumentieren, dass sich die Spielregeln der Wirtschaft verändert haben. Und tatsächlich gibt es gute Gründe, warum das Shiller-KGV heute nicht mehr so eindeutig spricht wie früher.

Das Zinsumfeld ist anders: In der Nullzinsphase (2020–2022) waren hohe Bewertungen fast logisch: Wo Anleihen keine Zinsen boten, floss Kapital in Aktien. Heute liegen die US-Zinsen bei 4–5 %, was Aktien relativ unattraktiver macht – aber immer noch kein Schockniveau ist. Ein Shiller-KGV von 39 ist also teuer, aber nicht absurd, solange die Gewinne stabil bleiben.

Aktienrückkäufe verzerren das Bild: Unternehmen kaufen in großem Stil eigene Aktien zurück. Das erhöht den Gewinn pro Aktie, ohne dass das operative Geschäft wächst – und lässt Bewertungskennzahlen optisch besser aussehen. Das Shiller-KGV berücksichtigt diese Effekte nur unzureichend.

Die Wirtschaft ist profitabler – strukturell: Tech-Unternehmen dominieren die Märkte. Firmen wie Apple, Microsoft oder Nvidia erwirtschaften Margen, die früher unvorstellbar waren. Ein KGV von 30 war im Industriezeitalter eine Blase – im KI-Zeitalter vielleicht nur die neue Normalität.

Krisenjahre verzerren den Zehnjahresdurchschnitt: Die Pandemie-Jahre 2020 und 2021 schlagen noch immer im Zehnjahresmittel durch – erst mit massiven Gewinneinbrüchen, dann mit Übertreibungen. Das macht die Kennzahl derzeit volatiler und schwerer interpretierbar.

Was uns das hohe Shiller-KGV trotzdem sagt

Trotz aller Einwände bleibt das Shiller-KGV ein wertvoller Gradmesser – besonders für Anleger mit langem Atem. Denn auch wenn es keine exakte Prognose liefert, zeigt es eines ziemlich zuverlässig:

Je höher das Shiller-KGV, desto niedriger fallen die künftigen Renditen aus.

Historische Analysen zeigen:

  • Bei einem Shiller-KGV unter 15 lag die durchschnittliche Zehnjahresrendite bei über 10 % p. a.
  • Bei Werten über 30 dagegen nur bei 3–4 % p. a.

Das bedeutet: Wer heute investiert, kann mit positiven Renditen rechnen – aber vermutlich mit bescheideneren als in den letzten zehn Jahren.

Wie Anleger jetzt klug reagieren können

Das Shiller-KGV ist kein Crash-Indikator, sondern ein Realitäts-Check.
Es sagt nicht: „Verkaufen!“, sondern: „Werde vorsichtiger.“

Renditeerwartungen anpassen: Bei einem CAPE von 39 sind zweistellige Jahresrenditen unwahrscheinlich. Wer realistisch plant, kalkuliert künftig eher mit 4–6 % pro Jahr.

Qualität vor Quantität: Wenn Bewertungen hoch sind, lohnt sich ein Fokus auf Unternehmen mit robusten Bilanzen, stabilen Cashflows und Preissetzungsmacht. Kurz: Qualität schlägt Fantasie.

Diversifikation ausbauen: Europa, Japan und Schwellenländer handeln auf deutlich niedrigeren Bewertungsniveaus. Eine breitere Streuung reduziert Klumpenrisiken und glättet Schwankungen.

Cash-Reserven und Flexibilität: Hohe Bewertungen bedeuten: Rücksetzer können kommen. Liquidität ist dann keine verschenkte Rendite, sondern eine Option auf günstige Einstiegsgelegenheiten.

Langfristig denken: Für Sparplan-Anleger ist das Shiller-KGV zweitrangig. Cost-Averaging wirkt auch bei hohen Bewertungen – langfristig zählt die Disziplin, nicht der Einstiegszeitpunkt.

Fazit: Der Kompass zeigt Norden – aber kein Sturm ist garantiert

Das Shiller-KGV bleibt ein nützliches Instrument, auch für Privatanleger: Es blickt über Zyklen hinweg und erinnert Anleger daran, dass Euphorie selten ein guter Ratgeber ist.

Mit einem Wert von 39 ist der Markt 2025 teuer, aber nicht irrational. Kein Crash-Countdown, sondern ein Signal, die Erwartungen zu zügeln und die Strategie zu schärfen.

Oder, in Shillers eigenen Worten:

„Das CAPE misst keine Blasen – es misst die Bereitschaft der Menschen, in Geschichten zu investieren.“

Und Geschichten gibt es derzeit viele: Künstliche Intelligenz, Energie, Robotik, Raumfahrt. Ob sie alle gut ausgehen, weiß niemand. Aber wer seine Finanzen mit Weitblick steuert, kann sich leisten, nicht jede Story mitzuspielen.

Das Shiller-KGV flüstert uns ins Ohr, wann die Musik zu laut wird.Im Moment spielt sie noch – aber vielleicht ist es Zeit, langsam Richtung Ausgang zu schlendern.

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